Spanda

🌊 Spanda – Zwischen Impuls und Stille

✨ Was ist Spanda?

Spanda (gesprochen S-panda; nicht Sch-panda) ist ein Begriff aus dem tantrischen Shaivismus, der schwer zu fassen ist – weil er nicht erklärt, sondern gespürt werden will. Es ist jene vibrierende Bewegung, die allem vorausgeht: keine Technik, kein System, kein Ziel. Sondern ein Puls, der dich erinnert, bevor du verstehst.

In diesem Beitrag erfährst du, was Spanda im tantrischen Denken bedeutet, wie es sich körperlich zeigen kann – und warum gerade das Zögern, das Vibrieren, das Dazwischen ein Tor zum Gewahrsein sein kann.

🔷 Was bedeutet Spanda im tantrischen Kontext?

Im tantrischen Shaivismus steht Spanda für die erste Regung des Gewahrseins – nicht als Inhalt, sondern als vibrierendes Erkennen. Es ist kein Ding, kein „Etwas“, sondern das, was sich bewegt, bevor Bewegung beginnt. Wie ein Zucken im Feld des Gewahrseins, bevor eine Absicht entsteht.

🔶 Spanda als Erfahrung – jenseits von Technik

Vielleicht hast du schon gespürt: ein Beben im Brustraum, ein Zucken in der Haut, ein Moment, der dich anhält, ohne dass du weißt warum. Und vielleicht hast du es Spanda genannt. Oder einfach übergangen.

Spanda zeigt sich selten spektakulär. Es ist das, was dich nicht loslässt, obwohl du längst weitergegangen bist. Es erinnert – nicht weil du willst, sondern weil etwas in dir antwortet, bevor du denkst.

📜 Spanda im Körper spüren – eine Praxis

🧘 Praxis: Der Moment davor
Nimm dir 2 Minuten. Wenn du spürst, dass eine Entscheidung naht – tu nichts. Bleib. Ein Atemzug. Zwei. Frag dich nicht, was du willst. Spür, was da ist. Vielleicht ein Ziehen. Vielleicht ein Drängen. Vielleicht nur Leere. Bleib.

🌿 Spürimpuls: Wo beginnt dein Impuls? Nicht im Kopf – sondern im Körper? Wie zeigt sich Bewegung, bevor sie Handlung wird?

🧘 Tantrik-Yoga: Der Weg der Spanda-Praxis

Tantrik-Yoga ist kein System aus starren Übungen, sondern ein feiner Weg der Erinnerung – an das, was dich von innen her bewegt. Im tantrischen Verständnis ist Spanda nicht nur eine kosmische Vibration, sondern der lebendige Puls des Gewahrseins, der sich durch alles zieht: Atem, Körper, Wahrnehmung, Klang, Stille.

Die tantrischen Quellen – etwa die Spanda-Kārikās – beschreiben zwei Bewegungsrichtungen:

  • Unmeṣa – die Ausdehnung, das Öffnen, der Impuls zur Erfahrung
  • Nimeṣa – das Zurückziehen, das Innehalten, das Auflösen im Gewahrsein

Diese Bewegungen sind keine Techniken – sie sind Geschehen. Tantrik-Yoga besteht darin, diese Schwingung nicht zu blockieren, sondern bewusst zu bewohnen.

Wie das geht? Indem du spürst, wo Spanda dich berührt:

  • in einem Atemzug, der innehält
  • in einer Geste, die sich ankündigt, aber nicht ausagiert
  • in einer Stille, die nicht leer, sondern vibrierend ist

Tantrik-Yoga ist die Kunst, diesem Zwischenraum Raum zu geben – ohne Methode, aber mit Hingabe. Nicht, um etwas zu erreichen, sondern um dich hineinlauschen zu lassen

In dieser Praxis wird das individuelle Erleben durchlässig für das, was größer ist als du – nicht als Idee, sondern als Spüren. Das nennen die tantrischen Lehrer:innen Parispanda: das ekstatische Pulsieren, das dich an das erinnert, was du nie verloren hast.

🔭 Philosophische Vertiefung: Spanda-Kārikā & Parispanda

In den Spanda-Kārikās, einem zentralen Werk des kaschmirischen Tantrismus, wird Spanda als das vibrierende Gewahrsein selbst beschrieben – als Cit in Bewegung. Es ist nicht die Bewegung der Welt, sondern das, was die Welt als Erfahrung überhaupt erst möglich macht.

Spanda wird dort in zwei Aspekten beschrieben: Unmeṣa (Öffnung, Enthüllung) und Nimeṣa (Zurückziehen, Innehalten). Dieses rhythmische Pulsieren ist das Herz des Gewahrseins – eine Schwingung ohne Ursache.

In der Praxis zeigt sich dies als Parispanda – das ekstatische Pulsieren in der Stille. Es wird spürbar, wenn du dich auf den Übergang konzentrierst: zwischen zwei Atemzügen, zwischen zwei Gedanken, im Innehalten vor einer Handlung.

Spanda ist keine Methode. Es ist das, was dich trägt – auch wenn du nichts tust. Eine Erinnerung an das, was du bist: ein atmender Zwischenraum.

📚 Weiterführende Quellen

🔗 Mehr zum Thema

🌙 Poetischer Ausklang

Vielleicht ist Spanda nur:
ein Zucken im Gewahrsein
bevor ein Gedanke Form bekommt.
Kein Ziel. Kein Wissen. Nur:
Du – spürend.
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