Tantrik Yoga Eric Steinert

Hintergründe & Philosophie

Philosophie

Hintergründe & Philosophie
des Tantrik Yoga

Kaschmir, neuntes bis elftes Jahrhundert.
Eine Gruppe von Denkern entwickelt eine Philosophie,
die bis heute kaum übertroffen wurde — in ihrer Präzision,
in ihrer Radikalität, in ihrer Konsequenz.
Ihre Namen: Utpaladeva, Abhinavagupta, Kṣemarāja.
Ihre Schule: der nonduale Shaivismus, auch bekannt als
Kashmir Shaivismus oder Trika.

Tantrik Yoga, wie er hier verstanden wird,
ist in dieser Tradition verwurzelt.
Nicht als historische Kuriosität — sondern als lebendige Quelle.

Der Grundgedanke

Die Wirklichkeit ist nicht zweigeteilt.
Es gibt kein Heiliges und Profanes, kein Innen und Außen,
keinen Geist der der Materie gegenübersteht.
Es gibt nur diese eine Bewegung —
sich entfaltend, sich erkennend, wieder zusammenfindend.

Im Sanskrit heißt das Advaita: Nicht-Zweiheit.
Nicht Einheit im Sinne von Gleichmacherei —
sondern das Erkennen, dass die Vielheit der Erscheinungen
einen gemeinsamen Grund hat.

Nicht die Welt ist das Problem,
sondern unsere Abwesenheit darin.

Daraus folgt eine Konsequenz, die ungewöhnlich ist:
Man muss die Welt nicht verlassen, um zu erwachen.
Der Körper ist kein Hindernis. Die Sinne sind kein Hindernis.
Der Alltag ist kein Hindernis.
Jeder Moment — dieser hier — ist Gelegenheit.

Drei Schlüsselbegriffe

Grundbegriffe der Tradition

Cit — Gewahrsein

Nicht Aufmerksamkeit, nicht Wachheit — sondern der Grund,
in dem alle Erfahrung erscheint.
Cit ist nicht etwas, das man herstellt.
Es ist das, was immer schon da ist.
Was fehlt, ist nicht Cit selbst — es ist das Wiedererkennen.

Spanda — der Puls

Die feine Schwingung, die allem Leben zugrunde liegt.
Der Moment zwischen zwei Atemzügen.
Die Regung, bevor sie zur Handlung wird.
Spanda ist nicht etwas, das man erzeugt —
es ist das, was man bemerkt, wenn man aufhört,
gegen den Moment zu arbeiten.

Śakti — die Kraft

Die dynamische Seite der Wirklichkeit.
Wenn Cit der stille Grund ist,
dann ist Śakti die Bewegung, die aus ihm hervorgeht —
die Kraft, die Welt erschafft, erhält, auflöst.
In der Praxis: die Energie, die sich im Körper zeigt,
wenn man ihr erlaubt zu fließen.

Was das für die Praxis bedeutet

Eine Philosophie, die die Welt bejaht, erzeugt eine andere Praxis
als eine, die sie überwindet.
Im Tantrik Yoga gibt es kein Ziel, das man noch nicht hat.
Es gibt nur das Bemerken — immer feiner, immer stiller —
dessen, was ohnehin da ist.

Das Vijñāna Bhairava Tantra, ein Text aus dem achten Jahrhundert,
beschreibt 112 solcher Momente.
Keine Techniken, keine Stufen, kein Weg.
Nur Hinweise — auf das, was du ohnehin kennst.

Diese Verse wollen nichts von dir.
Sie erinnern nur — an etwas, das du bereits kennst.