Abhinavagupta
Ein Gedanke erscheint. Eine Empfindung. Ein Klang.
Gewöhnlich richtet sich die Aufmerksamkeit auf das, was erscheint. Seltener auf das, worin es erscheint.
Genau dort setzt Abhinavagupta an.
Abhinavagupta lebte in Kaschmir, vermutlich zwischen 950 und 1020 n. Chr. Er gilt als der bedeutendste Philosoph des Shaiva-Tantra und als einer der großen Denker Indiens. Sein Werk umfasst Philosophie, Meditation, Ritualtheorie, Ästhetik und Sprachphilosophie.
Seine Bedeutung liegt in einer Unterscheidung.
Pratyabhijñā: Wiedererkennen
Das zentrale Wort seiner Philosophie lautet Pratyabhijñā.
Wiedererkennen.
Nicht etwas Neues finden. Nicht etwas erreichen. Nicht etwas erschaffen.
Wiedererkennen, was nie verschwunden war.
Für Abhinavagupta verliert sich das Gewahrsein nicht. Es erscheint lediglich in einer Form, die seine eigene Natur nicht erkennt. Der Weg besteht deshalb nicht darin, etwas hinzuzufügen. Er besteht darin, zu sehen.
Denn wenn alles Erleben im Gewahrsein erscheint, kann dieses Gewahrsein niemals selbst zu einem gewöhnlichen Objekt werden. Es ist nicht eines der Dinge, die wahrgenommen werden. Es ist die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas wahrgenommen werden kann.
Aus dieser Einsicht entwickelt die Pratyabhijñā eine ihrer präzisesten Erkenntnistheorien.
Cit und Vimarśa
Abhinavagupta bezeichnet die grundlegende Wirklichkeit als Cit.
Nicht Bewusstsein im psychologischen Sinn. Nicht eine innere Instanz.
Sondern das leuchtende Gewahrsein selbst.
Dieses Gewahrsein kennt sich nicht erst nachträglich. Es offenbart sich unmittelbar als Vimarśa, als Selbstgewahrwerden.
Deshalb sind Wahrnehmender, Wahrnehmen und Wahrgenommenes niemals vollständig voneinander getrennt.
Die Welt erscheint nicht außerhalb des Gewahrseins. Sie erscheint als dessen Offenbarung.
Die wichtigsten Werke
Das Tantrāloka ist Abhinavaguptas Hauptwerk. In 37 Kapiteln verbindet er Philosophie, Praxis und Ritual zu einem Ganzen, das die verschiedenen Strömungen des Shaiva-Tantra zusammenfasst.
Die Īśvarapratyabhijñāvimarśinī, ein Kommentar zu Utpaladevas Pratyabhijñā-Lehre, entfaltet seine Analyse des Gewahrseins mit besonderer begrifflicher Schärfe.
Die Abhinavabhāratī, sein Kommentar zum Nāṭyaśāstra, entwickelt eine Theorie ästhetischer Erfahrung, die bis heute in der Philosophie diskutiert wird.
Warum Abhinavagupta heute gelesen wird
Moderne Bewusstseinsforschung stößt auf ein Problem, das Abhinavagupta auf andere Weise untersucht hat: Wie kann Gewahrsein erkannt werden, wenn alles Erkannte bereits in ihm erscheint?
Seine Antworten sind keine naturwissenschaftlichen Erklärungen. Sie entstehen aus genauer Beobachtung des Erlebens.
Nicht als Ersatz für moderne Forschung. Nicht als letzte Antwort.
Sondern als Einladung, genauer hinzusehen, auf das, was immer schon da ist.