Tantrik Yoga Eric Steinert

Gedanken ohne Grund – Vers 99 des Vijñāna Bhairava Tantra

Vers 99 des Vijñāna Bhairava Tantra

ninirmittaṃ bhavej jñānaṃ nirādhāraṃ bhramātmakam|
tattvataḥ kasyacin naitad evaṃbhāvī śivaḥ priye || 99 ||

Alle Erkenntnis ist ohne Ursache, ohne Grundlage und voller Täuschung. In Wirklichkeit gehört (die Erkenntnis) niemandem. Wenn man so meditiert, wird man zu Śiva, meine Liebe. (Übersetzung nach Bettina Bäumer)

In Christoph Wallis‘ Lesart: Jñāna – besser übersetzt als „Erkenntnis“ denn als „Wissen“, da der Begriff alle mentalen Prozesse umfasst – entsteht ohne festen Grund, ohne Stütze, in einer Art schwankender Bewegung. Wer dies vollständig durchschaut, erkennt die nichtobjekthafte Dimension des Gewahrseins.

Gedanken gehören niemandem

Der Vers macht eine präzise Beobachtung: Gedanken tauchen auf, ohne dass jemand sie hervorgebracht hat. Nicht im Sinne einer Mystifizierung, sondern als phänomenologische Beschreibung. Wer genau hinschaut, wann ein Gedanke beginnt, bemerkt, dass er schon da ist, bevor er bemerkt wird. Das Gefühl, der Denker zu sein, ein Jemand, der die Gedanken produziert, ist selbst ein Gedanke. Einer unter anderen.

Wallis betont, dass Jñāna hier nicht intellektuelles Wissen meint, sondern jeden mentalen Vorgang: Wahrnehmungen, Bilder, Impulse, Assoziationen. Sie alle entstehen nirādhāra – ohne Stütze, ohne Fundament und bhramatmaka – schwankend, kreisend, nicht zu fassen.

Was das für die Praxis bedeutet

Die Einsicht, dass Gedanken ohne Besitzer entstehen, ist kein Trost. Sie ist eine strukturelle Beobachtung. Was sich verändert, wenn diese Beobachtung nicht nur intellektuell vollzogen wird, ist der Griff: Die Identifikation mit einem bestimmten Gedankenstrom – „meine Sorgen“, „meine Pläne“, „mein Urteil“ – verliert an Selbstverständlichkeit.

Das Gewahrsein, das Gedanken bemerkt, ist nicht selbst ein Gedanke. Es ist das, worauf der zweite Teil des Verses zeigt. Der vielleicht radikalste Satz des Verses lautet: tattvataḥ kasyacin naitad – in Wahrheit gehören diese Gedanken niemandem. Nicht nur die Welt gehört niemandem, sondern nicht einmal die „eigenen“ Gedanken!
Der Text stellt damit eine der tiefsten Selbstverständlichkeiten menschlicher Erfahrung infrage: dass es ein „Ich“ gibt, dem Gedanken gehören.

Vielleicht erscheinen Gedanken nicht für jemanden, sondern einfach im Feld des Erlebens. Die Inhalte wechseln. Das Bemerken selbst tritt dabei nicht als weiterer Inhalt auf.

Meditation über Vers 99

Die Praxis, die der Vers nahelegt, ist einfach und nicht einfach: Gedanken beobachten, ohne sich in sie einzufädeln. Nicht als Übung in Distanzierung, sondern als Gelegenheit, das Beobachtende selbst zu bemerken. Irgendwann kehrt die Aufmerksamkeit nicht zu einem Gedanken zurück – sie bleibt kurz, wo sie ist. Das ist eine mögliche Erfahrungsperspektive, auf die der Vers hinweist.