Kuṇḍalinī: Unverstanden und allgegenwärtig
Kuṇḍalinī gehört zu den am häufigsten missverstandenen Begriffen der tantrischen Tradition. Das moderne Bild, eine schlafende Schlangenkraft an der Basis der Wirbelsäule, die durch Praxis erweckt wird und nach oben steigt, ist eine Vereinfachung, die in den klassischen Texten so nicht steht.
Was die Texte sagen
In den tantrischen Schriften des Kaśmīr-Śaivismus wird Kuṇḍalinī als Ausdruck von Śakti beschrieben, der dynamischen Seite des Gewahrseins. Kṣemarāja nennt sie jagad-yoni: Quelle der Welt, Ursprung der Manifestation. Das ist keine lokale Kraft in einem bestimmten Körperteil. Es ist das Prinzip der Erscheinung selbst.
Die Idee, dass Kuṇḍalinī schläft und geweckt werden muss, kommt aus einer bestimmten haṭhayogischen und tantrischen Linie, die das Bild der Schlange im Muladhara verwendet. Klassische Quellen wie Abhinavaguptas Tantrāloka verstehen Kuṇḍalinī differenzierter: als die Kraft, die Gewahrsein in Erfahrung übersetzt. Überall, immer, nicht nur in außerordentlichen Zuständen.
Kuṇḍalinī und Alltagserfahrung
Christopher Wallis beschreibt Kuṇḍalinī als die Kraft, die jede Erfahrung erst möglich macht, die dynamische Bewegung, ohne die Gewahrsein nichts wahrnähme. In diesem Sinn ist Kuṇḍalinī nicht das Ziel der Praxis, sondern ihr Substrat. Was Praxis tut, ist nicht, sie herzustellen. Sie schafft Bedingungen, unter denen das Gewahrsein weniger durch Konditionierung abgelenkt wird.
Konkret zeigt sich das in der Praxis so: Atem, Mantra, Körpergewahrsein, diese Techniken haben keinen direkten Mechanismus, der Kuṇḍalinī „aufsteigen lässt“. Sie schaffen Aufmerksamkeit auf das, was ohnehin geschieht. Der Atem pulsiert bereits. Das Gewahrsein bewegt sich bereits. Kuṇḍalinī ist in diesem Sinne nicht schlafend, sie ist nur unbemerkt.
Vom Spektakulären zum Gewöhnlichen
Die Faszination für Kuṇḍalinī-Erfahrungen, intensive körperliche Zustände, Lichterscheinungen, plötzliche Klarheit, gehört zu den Phänomenen, die Wallis als sekundäre Effekte beschreibt, nicht als das eigentliche Ziel. Was zählt, ist das Wiedererkennen des Gewahrseins, nicht die Intensität der Begleiterscheinungen. Kuṇḍalinī, verstanden als das, was das Sehen ermöglicht, ist weniger aufregend und beständiger als jede spektakuläre Erfahrung.
Christopher Wallis: The Real Story on Kundalini