Tantrik Yoga Eric Steinert

Schlagwort: Meditation

  • Interozeption und Gewahrsein

    Praxis · Somatisches Gewahrsein

    Interozeption und Gewahrsein

    Interozeption – die Wahrnehmung des Körpers durch sich selbst – ist kein Randphänomen der Sinnesphysiologie. Sie ist die Grundschicht dessen, was wir als Körpergefühl kennen: jene Hintergrundfärbung des Erlebens, die alle Wahrnehmung einfärbt, ohne je direkt im Fokus zu stehen. Herzschlag, Atemrhythmus, das diffuse Wohlbefinden oder Unbehagen ohne bestimmbaren Ursprung – diese Signale laufen ununterbrochen und formen mit, wie alles andere erscheint.

    Der Körper, der sich selbst wahrnimmt

    Der Neurowissenschaftler A. D. Craig hat Interozeption als eigenständiges Sinnessystem beschrieben: alle Signale, die aus dem Körperinneren kommen, laufen über einen eigenen Nervenpfad und werden in der Insula verarbeitet. Was dort entsteht, ist nicht nur Hunger oder Schmerz. Es ist das allgemeine Körpergefühl – die Summe der Zustände des Organismus in diesem Moment, als diffuse Zustandsbeschreibung präsent, bevor irgendjemand nach ihr fragt.

    Der Körper ist also nicht nur Empfänger von Reizen aus der Außenwelt. Er ist Sender: Er schickt ständig Signale über seinen eigenen Zustand ans Gehirn. Diese Signale sind keine neutralen Meldungen – sie färben die affektive Qualität jedes Moments, noch vor jeder Bewertung, noch vor jedem Gedanken.

    Somatisches Gedächtnis

    Was wir als Empfindung erleben, ist selten nur dieser Moment. Der Leib trägt eine Geschichte: als Qualität seiner Spannung, seiner Atemgewohnheiten, seiner Haltungsmuster. Besonders deutlich wird das in dem, was Bessel van der Kolk als somatisches Gedächtnis beschrieben hat: Erfahrungen, die nicht als narrative Erinnerungen gespeichert sind, sondern als Körperzustände – Muster von Anspannung, Reaktionsbereitschaft, Stille –, die sich bei bestimmten Signalen reaktivieren, lange bevor ein Ich davon weiß.

    Maurice Merleau-Ponty nennt das Körperschema: das präreflexive Wissen des Leibes über sich selbst, das dem Denken und Benennen vorausgeht. Ein Schreiner und ein Cellospieler haben verschiedene Körperschemata. Nicht weil sie verschiedene Körper haben – sondern weil ihre Leiber eine andere Geschichte tragen.

    Spanda als gelebte Interozeption

    Im Kaśmīr-Śaivismus bezeichnet Spanda die wesenseigene Pulsation von Cit – die lebendige Bewegtheit des Gewahrseins selbst. In der Praxis des somatischen Gewahrseins lässt sich Spanda als das beschreiben, worauf Interozeption zeigt: das feine Zittern des lebendigen Körpers, das weder Herzschlag noch Atem ist und doch beides begleitet. Kṣemarāja beschreibt es nicht als seltenes mystisches Ereignis, sondern als die normale Lebendigkeit des Moments – zu finden in Momenten höchster Aufmerksamkeit, im Übergang zwischen Schlafen und Wachen, in der Stille zwischen zwei Gedanken.

    Interozeption zu schulen bedeutet: diesen Kanal feiner werden zu lassen – nicht durch Anstrengung, sondern durch Aufmerksamkeit. Die Richtung nach innen. Nicht als Selbstbeobachtung, sondern als Präsenz im Leiblichen.

  • Das OM-Mantra

    OM – in Sanskrit ॐ, auch AUM geschrieben – gilt in der indischen Tradition als Praṇava: das ursprüngliche Mantra, der Klang, der dem Sprechen vorausgeht. Nicht im mythologischen Sinne, sondern als Beschreibung einer Erfahrung: Wenn man OM singt, klingt es aus, bevor man aufgehört hat zu singen. Der Nachklang ist der eigentliche Ort.

    AUM und die drei Zustände

    Das Māṇḍūkya Upaniṣad, eine der knappsten und philosophisch dichtesten der klassischen Schriften, analysiert AUM in Bezug auf die vier Bewusstseinszustände. Die drei Laute stehen für drei Zustände des Erlebens:

    A – der Wachzustand (jāgrat): Erleben in Relation zur Außenwelt, Objekte erscheinen als getrennt vom Subjekt.

    U – der Traumzustand (svapna): Die Welt entsteht aus dem Geist selbst. Objekte und Subjekt kommen aus derselben Quelle.

    M – der Tiefschlaf (suṣupti): Kein Objekt, kein Subjekt. Was bleibt, ist schwer zu beschreiben – weil der Beschreiber fehlt.

    Das vierte Moment ist das Schweigen, das auf das M folgt: Turīya – nicht ein weiterer Zustand, sondern der Grund der anderen drei.

    OM im Kaśmīr-Śaivismus

    Abhinavagupta und Kṣemarāja lesen OM nicht nur als philosophisches Modell, sondern als Praxisinstrument. Das Mantra ist ein Träger von Vimarśa – dem Sich-selbst-Erfassen des Gewahrseins. Wer OM singt und dabei die Struktur des AUM bewusst hält, vollzieht eine Bewegung durch die Bewusstseinszustände hindurch – nicht als Analyse, sondern als Erfahrung.

    Spanda – der feine Puls des Gewahrseins – ist in OM hörbar: im Anstieg, in der Resonanz, im Ausklingen. Der Moment nach dem Klingen ist nicht leer. Er ist der Grund, der dem Klang erlaubt, zu entstehen und zu vergehen.

    Praxis

    OM lässt sich als Einstieg in Meditation oder als eigenständige Praxis singen. Drei bis sieben Wiederholungen, mit Aufmerksamkeit auf das Nachklingen. Was sich nach dem letzten OM zeigt – das kurze Schweigen, bevor der Geist wieder anfängt zu reden –, ist der Eingang, auf den das Māṇḍūkya zeigt.