Tantrik Yoga Eric Steinert

Schlagwort: Nondualität

  • Nondualität

    Grundbegriff · Kaśmīr-Śaivismus

    Nondualität

    Nondual bedeutet nicht Eins im Sinne von Einheitsbrei – und es bedeutet nicht, dass die Welt Illusion ist. Beides sind verbreitete Missverständnisse, die aus der Verwechslung mit anderen indischen Philosophien stammen. Was nondual meint, ist präziser und weniger vertraut: Subjekt und Objekt, Gewahrsein und Welt sind keine letztlich getrennten Realitäten. Sie sind Ausdrucksformen desselben Grundes.

    Nicht-Zweiheit – die genaue Bedeutung

    Das Sanskrit advaita heißt wörtlich: nicht-zwei. Es ist eine negative Bestimmung, die etwas offen lässt, das eine positive Formulierung schließen würde. Nicht-zwei sagt nicht: alles ist eins. Es sagt: die Annahme, dass Gewahrsein und Welt, Innen und Außen, Erleber und Erlebtes fundamental getrennte Substanzen sind – diese Annahme trägt nicht. Was erscheint, ist real. Die Trennung, die das Erscheinen zu organisieren scheint, ist eine Konfiguration des Gewahrseins, keine ontologische Grundtatsache.

    Im Kaśmīr-Śaivismus entfaltet sich Cit – das selbstleuchtende Gewahrsein – in die Vielfalt der Erscheinungen. Die Welt ist nicht weniger real. Sie ist anders verortet: nicht außerhalb des Gewahrseins, sondern als dessen Ausdrucksform.

    Kaśmīr-Śaivismus und Advaita Vedānta

    Der Kaśmīr-Śaivismus teilt mit dem Advaita Vedānta den Ausgangspunkt eines absoluten Grundes – aber er zieht eine andere Konsequenz. Im strikten Advaita Śaṅkaras gilt die Welt als mithyā: letztlich unwirklich, zu überwinden. Im Kaśmīr-Śaivismus ist die Welt eine echte Selbstentfaltung des Absoluten. Sie ist Cit in Gestalt – kein Schein, kein zu überwindender Irrtum, sondern Ausdruck.

    Das hat Konsequenzen für die Praxis: Dort Entwertung des Relativen und Transzendenz als Ziel; hier Durchdringung des Relativen und Anerkennung. Nicht: die Welt hinter sich lassen. Sondern: die Welt als das erkennen, was sie ist.

    Pratyabhijñā – Wiedererkennen statt Erwerben

    Die philosophische Schule der Pratyabhijñā – gegründet von Utpaladeva, ausgebaut von Abhinavagupta und Kṣemarāja im 10. und 11. Jahrhundert in Kaschmir – macht aus dem Nondualitätsgedanken ein praktisches Prinzip: Was fehlt, ist nicht das Gewahrsein. Cit ist die eigene Natur. Was fehlt, ist das Wiedererkennen. Man schaut durch das Gewahrsein hindurch auf anderes, wie durch sauberes Glas – und hält das Glas für unsichtbar. Pratyabhijñā ist das Bemerken des Glases. Kein Erwerb, kein Aufstieg – Wiedererkennen von etwas, das immer schon da war.