Tantrik Yoga Eric Steinert

Was ist das Vijñāna Bhairava Tantra?

Vijñāna Bhairava Tantra

Was ist das Vijñāna Bhairava Tantra?

Das Wort Vijñāna bezeichnet im Sanskrit nicht einfach Wissen – sondern Gewahrsein als Erkennen. Bhairava ist jene Form des Absoluten, die nicht als fernes Prinzip gedacht wird, sondern als das, was unmittelbar im Erleben aufscheint: der pulsierende Grund aller Erfahrung. Das Vijñāna Bhairava Tantra – ein zentraler Text des Trika-Śaivismus – macht diesen Grund zugänglich. Nicht durch Lehrsätze, sondern durch 112 Dhāraṇās: präzise Konfigurationen der Aufmerksamkeit.

Ein Dialog als Eingang

Der Text beginnt mit einer Frage. Bhairavī – die weibliche Energie, Śakti – wendet sich an Bhairava und fragt nach der Natur des Absoluten: Was ist das, was du bist? Wie lässt es sich erfahren? Bhairavas Antwort ist keine Lehre über das Absolute – sie ist eine Einladung, in die Erfahrung selbst zu treten. Die 112 Dhāraṇās, die folgen, sind keine Übungsanleitungen. Sie sind Ausrichtungen des Gewahrseins: Momente, in denen die Aufmerksamkeit so konfiguriert wird, dass die Trennlinie zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem ins Zittern gerät.

Was Dhāraṇā bedeutet

Dhāraṇā heißt wörtlich: das Halten, das Tragen. Es ist keine Entspannungstechnik und keine Visualisierungsübung. Es ist eine Ausrichtung – des Gewahrseins auf einen Punkt, durch den hindurch das Ganze aufscheint. Die Dhāraṇās des VBT arbeiten mit Atemübergängen, mit Klang, mit Raum, mit der Stille zwischen Gedanken. Manche dauern den Bruchteil einer Sekunde. Keine davon erzeugt einen Zustand – sie zeigen auf das, was immer schon da ist.

Überlieferung und Lektüre

Das VBT gehört zur Trika-Tradition des nondualen Kaśmīr-Śaivismus und wurde im 9. bis 10. Jahrhundert in Kaschmir verfasst. Es findet sich im Rudrayāmala-Tantra und steht in enger Verbindung mit dem Kommentarwerk von Kṣemarāja. Im 20. Jahrhundert erschloss Jaideva Singh den Text in einer einflussreichen englischen Übersetzung; Bettina Bäumer hat ihn in einem vertieften phänomenologischen Rahmen neu zugänglich gemacht. Lilian Silburn legte eine bedeutende französische Übersetzung vor. Für ernsthafte Lektüre sind diese Quellen der Ausgangspunkt.