Praxis · Direkte Wahrnehmung
Vor dem Namen
Höre für einen Moment auf das Geräusch, das gerade in deiner Nähe ist. Bevor du weißt, ob es ein Auto ist, eine Stimme, ein Gerät, bevor das Geräusch einen Namen hat, ist es schon da. Nicht als Ding. Als Klang.
Bevor es einen Namen hat
Ein Klang erscheint, noch ohne Namen, ohne Wertung, ohne Geschichte. Das ist nicht das Rohe, auf dem das Erkennen erst aufbaut. Es ist das Erkennen selbst, bevor es sich auf ein Etwas festlegt. Die Pratyabhijñā nennt diesen Moment nirvikalpa, frei von begrifflicher Unterscheidung. Benennen, Bewerten, Einordnen kommen später.
Noch kein Ich, das auswählt und urteilt. Aber Gewahrsein, in dem der Klang erscheint.
Dieser Moment ist nicht vorbei, sobald das Denken einsetzt. Er geht jedem Gedanken voraus, auch dem, der gerade über ihn nachdenkt.
Empfindung und Sprache
Sprache ist kein neutrales Werkzeug für Empfindung. Ludwig Wittgenstein hat gezeigt, dass das Wort „Schmerz“ seine Bedeutung nicht aus einem inneren Gegenstand bezieht, sondern aus seinem Gebrauch, dem Sprachspiel. Einen privaten Zugang zu etwas, das unter der Sprache läge, lässt er nicht gelten.
Das Shaiva-Tantra zieht die Grenze an anderer Stelle. Für Abhinavagupta ist auch der Moment vor dem Begriff Sprache, nur ungeteilt: paśyantī, das Wort, bevor es sich in Laute und Begriffe teilt. Die Grenze verläuft nicht zwischen Sprache und Nicht-Sprache. Sie verläuft zwischen der Sprache, die unterscheidet, und der, die noch nicht unterscheidet.
Verweilen
Das Vijñāna Bhairava Tantra zeigt immer wieder auf diesen Moment: auf den Atem, bevor er umkehrt (nach VBT 25–26), auf den Klang eines Saiteninstruments, dem man ungeteilt folgt, bis er verklingt (nach VBT 41). Solche Momente sind keine Ausnahmezustände. Sie geschehen ununterbrochen. Was sich ändert, ist nicht das Erleben. Es ist die Aufmerksamkeit.
Der Unterschied zwischen dem benannten Ding und dem Klang, bevor er Ding wird, lässt sich nicht denken. Er lässt sich nur bemerken. Das ist die Einladung: nicht analysieren, was gerade geschieht. Einen Moment dort bleiben, wo noch nichts festgelegt ist.