Tantrik Yoga Eric Steinert

Gewahrsein

Begriff · Cit · Pratyabhijñā

Gewahrsein

Du liest gerade diese Wörter.

Irgendwo hinter dem Verstehen, hinter dem Einordnen – ist etwas, das liest. Nicht das, was den Inhalt bewertet. Das, was überhaupt da ist.

Das ist die Einstiegsfrage: Was ist dieses Da-Sein, bevor es etwas beurteilt?

Die deutsche Sprache macht eine Unterscheidung, die im Alltag kaum bemerkt wird.

Bewusstsein ist selektiv. Es greift auf Erinnerungen zurück, ordnet ein, bewertet. Es ist nützlich. Es navigiert dich durch den Tag.

Gewahrsein ist der Grund, auf dem Bewusstsein stattfindet. Es wählt nichts aus. Es ist einfach präsent – nicht leer, aber unbeengt.

Der Begriff selbst ist eine Entscheidung: Gewahrsein steht hier für das Sanskrit cit. Die Wahl ist nicht zufällig. Die germanische Wurzel wara – aufmerksam, in Obhut nehmend – trifft denselben Bereich. Kein Blick von außen. Ein stilles Halten von innen.

Im Kaśmīr-Śaivismus trägt dieser Grund einen Namen: cit.

Nicht als persönliche Fähigkeit. Nicht als Zustand, den man erreicht. Als das, was immer schon da ist – auch wenn Bewusstsein es überlagert.

Abhinavagupta nennt es prakāśa-vimarśa: Licht und Selbsterkenntnis in einem. Ein Gewahrsein, das nicht nur leuchtet, sondern sich selbst als leuchtend erkennt.

Das Vijñāna Bhairava Tantra fragt von einer anderen Seite her.

Nicht was Gewahrsein ist – sondern wo es erfahrbar wird.

Die 112 Dhāraṇās des Textes sind Fingerzeige. Auf Momente, in denen das Gewahrsein aufleuchtet, das sonst im Hintergrund bleibt. Im Atemraum zwischen Einatem und Ausatem. Im ersten Augenblick des Aufwachens. Im Erschrecken. Im Staunen.

Fenster im Jetzt folgt diesem Faden.

Es liest den Text phänomenologisch – nicht als Anleitungssammlung, sondern als Kartografie des Gewahrseins.

Wenn du wissen willst, was Gewahrsein ist: Lies nicht weiter.

Setz das Lesen kurz aus.

Was ist da?