Tantrik Yoga Eric Steinert

Kategorie: Begriff

  • Bewusstsein

    Begriff · Cit · Vimarśa

    Bewusstsein

    Du siehst einen Baum.

    Aber du siehst nicht wirklich einen Baum. Du siehst Farben, Konturen, Bewegungen im Wind – und dein Geist ergänzt sofort: Baum. Mit allem, was du je über Bäume gewusst hast.

    Das ist Bewusstsein. Es fügt hinzu. Es ordnet ein. Es weiß.

    Das ist keine Kritik. Bewusstsein ist eine Leistung. Es macht aus dem Rauschen der Sinneseindrücke eine bewohnbare Welt. Es gibt den Dingen Namen, Bedeutungen, Zusammenhänge. Ohne es gäbe es kein Verstehen.

    Aber es hat einen Preis. Was Bewusstsein hinzufügt, ist nie neutral. Es ist geformt durch Erfahrung, durch Erwartung, durch das, was dir nützt oder schadet. Es sieht, was es zu sehen bereit ist.

    Das Wort selbst macht das sichtbar. Bewusstsein kommt von bewissen – einem mittelhochdeutschen Verb für das Hinzufügen von Wissen zu einer Wahrnehmung: einordnen, beiordnen, kartografieren. Bewusstsein fügt bei. Das ist das genaue Gegenbild zur Etymologie von Gewahrsein, wo die germanische Wurzel wara das aufmerksame Empfangen bezeichnet – ohne Hinzufügung. Gewahrsein empfängt. Bewusstsein ordnet bei.

    Im Kaśmīr-Śaivismus heißt das: Bewusstsein operiert unter dem Einfluss der malas – der Verdunkelungen, die das Gewahrsein einengen. Nicht als moralischer Mangel. Als strukturelle Bedingung des gebundenen Subjekts.

    Die Frage ist nicht: Wie werde ich mein Bewusstsein los?

    Die Frage ist: Was ist da, bevor es einsetzt?

    Das Vijñāna Bhairava Tantra arbeitet genau an dieser Schwelle. Es sucht die Lücken im Bewusstsein – Momente, in denen das Einordnen kurz aussetzt. In denen etwas wahrgenommen wird, bevor es gewusst wird.

    Diese Momente sind keine Ausfälle. Sie sind Öffnungen.

    Fenster im Jetzt folgt diesen Öffnungen. Nicht um Bewusstsein zu überwinden – sondern um zu sehen, was es trägt.

    Bewusstsein ist nicht das Gegenteil von Gewahrsein. Abhinavagupta nennt den beweglichen Aspekt von Cit citta: das Gewahrsein, in Richtung Welt gefaltet. Bewusstsein ist nicht Rückstand – es ist Ausdruck. Die Art, in der Cit sich als endliches Subjekt begegnet.

  • Gewahrsein

    Begriff · Cit · Pratyabhijñā

    Gewahrsein

    Du liest gerade diese Wörter.

    Irgendwo hinter dem Verstehen, hinter dem Einordnen – ist etwas, das liest. Nicht das, was den Inhalt bewertet. Das, was überhaupt da ist.

    Das ist die Einstiegsfrage: Was ist dieses Da-Sein, bevor es etwas beurteilt?

    Die deutsche Sprache macht eine Unterscheidung, die im Alltag kaum bemerkt wird.

    Bewusstsein ist selektiv. Es greift auf Erinnerungen zurück, ordnet ein, bewertet. Es ist nützlich. Es navigiert dich durch den Tag.

    Gewahrsein ist der Grund, auf dem Bewusstsein stattfindet. Es wählt nichts aus. Es ist einfach präsent – nicht leer, aber unbeengt.

    Der Begriff selbst ist eine Entscheidung: Gewahrsein steht hier für das Sanskrit cit. Die Wahl ist nicht zufällig. Die germanische Wurzel wara – aufmerksam, in Obhut nehmend – trifft denselben Bereich. Kein Blick von außen. Ein stilles Halten von innen.

    Im Kaśmīr-Śaivismus trägt dieser Grund einen Namen: cit.

    Nicht als persönliche Fähigkeit. Nicht als Zustand, den man erreicht. Als das, was immer schon da ist – auch wenn Bewusstsein es überlagert.

    Abhinavagupta nennt es prakāśa-vimarśa: Licht und Selbsterkenntnis in einem. Ein Gewahrsein, das nicht nur leuchtet, sondern sich selbst als leuchtend erkennt.

    Das Vijñāna Bhairava Tantra fragt von einer anderen Seite her.

    Nicht was Gewahrsein ist – sondern wo es erfahrbar wird.

    Die 112 Dhāraṇās des Textes sind Fingerzeige. Auf Momente, in denen das Gewahrsein aufleuchtet, das sonst im Hintergrund bleibt. Im Atemraum zwischen Einatem und Ausatem. Im ersten Augenblick des Aufwachens. Im Erschrecken. Im Staunen.

    Fenster im Jetzt folgt diesem Faden.

    Es liest den Text phänomenologisch – nicht als Anleitungssammlung, sondern als Kartografie des Gewahrseins.

    Wenn du wissen willst, was Gewahrsein ist: Lies nicht weiter.

    Setz das Lesen kurz aus.

    Was ist da?

  • Śakti

    Begriff · Kaśmīr-Śaivismus

    Śakti

    Sanskrit śakti, von √śak – können, vermögen, Kraft haben. Im Kaśmīr-Śaivismus bezeichnet Śakti nicht eine zweite Wirklichkeit neben dem Absoluten, sondern dessen eigene Entfaltungskraft: die Art, in der Cit sich erkennt, bewegt und in Welt erscheint.

    Śiva und Śakti – zwei Aspekte einer Wirklichkeit

    Das Paar Śiva – Śakti beschreibt keine zwei Prinzipien. Es beschreibt eine einzige Wirklichkeit in ihrer Zweiaspektigkeit: Śiva (Cit, Prakāśa) als das ruhende, selbstleuchtende Gewahrsein; Śakti (Vimarśa) als dessen inhärente Kraft, sich zu bewegen, sich selbst zu erkennen und in Formen zu erscheinen. Ohne Śakti wäre Cit wirkungslos-still; ohne Cit wäre Śakti blinde Bewegung. Beides ist nicht zwei – eine Wirklichkeit, die sich in zwei Richtungen beschreiben lässt.

    Spanda und Vimarśa als Ausdrucksformen

    Śakti tritt in verschiedenen Formen in Erscheinung. Spanda – die wesenseigene Pulsation des Gewahrseins – ist Śakti als rhythmische Bewegtheit: das Zittern zwischen Ruhe und Entfaltung, das im Herzschlag, im Atemzug und in der Stille zwischen Gedanken erspürt werden kann. Vimarśa ist Śakti als reflexive Selbsterkenntnis – die Kraft, durch die das Absolute sich selbst als sich selbst erkennt. Māyā ist Śakti als schöpferische Selbstbeschränkung: die Fähigkeit von Cit, sich so zu konfigurieren, dass Welt als getrennt erscheint.

    Abgrenzung

    Śakti ist kein energetischer Begriff im Sinne des populären Yoga-Diskurses. Die Gleichsetzung mit Prāṇa, Qi oder einer diffusen Lebensenergie verfehlt den philosophischen Gehalt: Śakti ist ein ontologisches Prinzip – die Kraft, durch die das Absolute sich selbst erschafft und erkennt –, keine Körperenergie, die sich lenken oder akkumulieren lässt. Im Vijñāna Bhairava Tantra erscheint dieselbe Wirklichkeit unter dem Namen Bhairavī: die fragende, sich entfaltende Kraft, die Bhairava – das ruhende Gewahrsein – anspricht.