Tantrik Yoga Eric Steinert

Spanda

Begriff · Kaśmīr-Śaivismus

Spanda

Sanskrit spanda, von √spand – zittern, sich regen, vibrieren. Spanda bezeichnet die wesenseigene Lebendigkeit von Cit selbst: nicht ein Ereignis, das irgendwann begann, sondern die innere Bewegtheit des Gewahrseins, die allem vorausgeht und in allem gegenwärtig bleibt. Es ist der Rhythmus, in dem Cit sich ausdrückt.

Die Pulsation des Gewahrseins

Spanda ist nicht Vibration im physikalischen Sinn. Die Übersetzung als „Schwingung“ – im populären Yoga-Diskurs verbreitet – verfehlt den Begriff vollständig. Spanda bezeichnet eine ontologische Grundstruktur, keine Wellenbewegung. Es ist das Zittern zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Einfalten und Entfalten, das weder willentlich gesteuert noch zufällig ist. Cit ist nicht statisch, es pulsiert. Und diese Pulsation ist nicht etwas, das Cit irgendwann tut; sie ist, was Cit ist.

Die Spandakārikās, ein Lehrtext der śaivistischen Tradition, Vasugupta zugeschrieben, ca. 9. Jahrhundert, beschreiben dieses Zittern mit zwei Begriffen: Unmeṣa – das Aufleuchten, das Ausfalten, die Bewegung in Richtung Erscheinung; Nimeṣa – das Einfalten, die Rückkehr in die Stille. Aber sie sind nicht zwei getrennte Bewegungen. Wie Einatmen und Ausatmen nicht zwei Atemzüge sind, sondern einer, sind Unmeṣa und Nimeṣa zwei Aspekte derselben Pulsation.

Unmittelbare Beobachtung, keine Spekulation

Kṣemarāja betont im Kommentar zur Spandakārikā: Spanda ist keine esoterische Spekulation. Es ist unmittelbare Beobachtung. Uu finden in Momenten höchster Emotion, äußerster Aufmerksamkeit, im Übergang zwischen Schlafen und Wachen, in der Stille zwischen zwei Gedanken. Wer je in einem stillen Moment gespürt hat, dass das Leben im Körper nicht aufhört, dass da ein feines Zittern ist, das weder Herzschlag noch Atem ist und doch beides begleitet , der hat Spanda berührt, ohne es zu benennen.

In diesem Sinn ist Spanda kein Begriff, dem man glauben muss. Er ist ein Hinweis auf etwas Beobachtbares, sofern die Aufmerksamkeit fein genug ist und die Richtung stimmt.

Verhältnis zu Śakti und Vimarśa

Spanda steht in enger Verbindung mit zwei anderen zentralen Begriffen der Pratyabhijñā-Linie. Śakti, die dynamische Seite des Absoluten, ist der weitere Begriff: die Kraft, durch die Cit sich entfaltet und erkennt. Spanda ist ein spezifischer Ausdruck von Śakti: deren charakteristische Bewegungsweise, das Rhythmische, das Pulsierende. Vimarśa, die reflexive Selbsterkenntnis von Cit, ist die andere Seite: Spanda als die Lebendigkeit, Vimarśa als das Innewerden dieser Lebendigkeit. Die Grenze zwischen ihnen ist fließend. Was pulsiert, erkennt sich im Pulsieren.