Tantrik Yoga Eric Steinert

Autor: Eric

  • Yoga Nidra

    Yoga Nidra – yogischer Schlaf – bezeichnet eine Praxis, bei der man in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen bleibt: körperlich ruhend, mental wach. Der Übergang in diese Schwelle geschieht geführt, über systematische Aufmerksamkeitsführung durch den Körper, den Atem und innere Bilder.

    Herkunft

    Die Technik hat Wurzeln in tantrischen Nyāsa-Praktiken – rituellen Formen der Körperdurchdringung mit Aufmerksamkeit –, wurde aber im 20. Jahrhundert von Swami Satyananda Saraswati in eine systematisierte, lehrbare Form gebracht. Was als Ritual begann, ist damit zu einer zugänglichen Meditationsform geworden.

    Ablauf einer Sitzung

    Die Praxis folgt in der Regel einem festen Rahmen. Man liegt auf dem Rücken, meist in Śavāsana. Der Ablauf umfasst eine Einstimmung, das Setzen eines Sankalpa (einer kurzen mentalen Absicht), einen systematischen Body-Scan durch alle Körperteile, Atemsgewahrsein, geführte innere Bilder und die abschließende Wiederholung des Sankalpa.

    Der entscheidende Punkt: Die Aufmerksamkeit wandert, aber man schläft nicht ein. Man beobachtet. Was dabei sichtbar wird – der Unterschied zwischen dem Beobachtenden und dem Beobachteten –, ist das eigentliche Terrain dieser Praxis.

    Was Yoga Nidra von anderen Meditationsformen unterscheidet

    Klassische Sitzmeditation arbeitet mit einem wachen, aufrechten Körper. Yoga Nidra arbeitet mit Erschöpfung und Ruhe als Eingang in einen anderen Bewusstseinszustand. Das ist kein Kompromiss – es ist ein eigener Zugang. In hypnagogen Zuständen lockert sich das Verhältnis zwischen Ich und Erleben auf eine Weise, die im Wachzustand schwerer herzustellen ist.

    Praxis

    20 bis 45 Minuten, liegend. Eine geführte Aufnahme ist für den Einstieg hilfreich – sie nimmt die Aufgabe der Strukturierung ab, damit die Aufmerksamkeit frei für das Erleben bleibt.

  • Verkörperung im Tantra

    Verkörperung im Tantra

    Der Leib antwortet, bevor jemand antwortet.

    Haarzellen wandeln Schall um. Mechanorezeptoren melden Druck. Das Herz passt seinen Rhythmus an. All das geschieht, bevor das reflektierende Ich von irgendetwas weiß.

    Im nondualen Shaiva-Tantra ist genau diese Schicht des Erlebens kein Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis. Sie ist ihr Ort.

    Der Körper als Erfahrungsraum

    In vielen spirituellen Traditionen liegt der Schwerpunkt auf Disziplin, Kontrolle oder Transzendenz. Die Pratyabhijñā des Kaśmīr-Śaivismus setzt einen anderen Akzent.

    Der Leib ist der Ort, an dem Cit erscheint. Nicht als Spiegel für etwas Jenseitiges. Nicht als Hülle des Gewahrseins. Sondern als dessen unmittelbare Manifestation.

    Was im Körper geschieht, ist keine Ablenkung vom Absoluten. Es ist eine Weise, in der sich das Gewahrsein zeigt.

    Daraus folgt eine praktische Konsequenz.

    Die Aufmerksamkeit auf den Körper, auf Empfindung, Atemrhythmus und die feinsten affektiven Färbungen eines Moments, ist keine Vorbereitung auf Praxis.

    Sie ist Praxis.

    Interozeption

    Die Neurowissenschaft beschreibt seit einigen Jahrzehnten eine Form der Wahrnehmung, die im klassischen Fünf-Sinne-Modell kaum berücksichtigt wurde: Interozeption.

    Gemeint ist die Wahrnehmung innerer Körperzustände. Herzschlag. Atemrhythmus. Hunger. Sättigung. Ein diffuses Wohlbefinden oder Unbehagen, das sich keinem äußeren Objekt zuordnen lässt.

    Diese Signale laufen über eigene neuronale Bahnen und prägen fortwährend die Grundstimmung des Erlebens. Sie färben jede Wahrnehmung, ob wir es bemerken oder nicht.

    Aus der Perspektive des Shaiva-Tantra können solche Empfindungen als ein Zugang zu Spanda verstanden werden. Nicht weil Interozeption und Spanda dasselbe wären. Sondern weil sich in diesen feinen Regungen etwas zeigt, das der Spanda-Tradition seit Jahrhunderten vertraut ist: die unaufhörliche Bewegtheit des Gewahrseins.

    Spanda im Leib

    Spanda bezeichnet die wesenseigene Pulsation von Cit.

    Sie ist kein Objekt der Wahrnehmung. Kein verborgenes Etwas hinter den Erscheinungen.

    Sie zeigt sich in den Erscheinungen selbst.

    Im Herzschlag. In der Atempause. Im Übergang zwischen Schlafen und Wachen. In der feinen Regung, die einer Benennung vorausgeht.

    Kṣemarāja beschreibt Spanda nicht als Gegenstand metaphysischer Spekulation, sondern als etwas, das sich in bestimmten Momenten unmittelbar erschließen kann: in intensiver Aufmerksamkeit, in starken Affekten, in der Stille zwischen zwei Gedanken.

    Verkörperung bedeutet in diesem Sinn nicht, etwas Besonderes zu erreichen.

    Sondern wahrzunehmen, was bereits geschieht.

    Im Körper.

    Und durch ihn hindurch.