Tantrik Yoga Eric Steinert

Verkörperung im Tantra

Praxis · Phänomenologie

Verkörperung im Tantra

Der Leib antwortet, bevor jemand antwortet. Haarzellen wandeln Schall um, Mechanorezeptoren melden Druck, das Herz passt seinen Rhythmus an – all das geschieht, bevor das reflektierende Ich von irgendetwas weiß. Im nondualen Tantra ist genau diese Schicht – die prä-personale Responsivität des Körpers – kein Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis. Sie ist deren Ort.

Der Körper als Erfahrungsraum

In vielen Yoga-Traditionen wird der Körper als etwas behandelt, das diszipliniert oder überwunden werden muss. Die Pratyabhijñā-Linie des Kaśmīr-Śaivismus geht anders vor: Der Leib ist der Ort, an dem Cit sich manifestiert – nicht als Spiegel für etwas Höheres, sondern als unmittelbarer Ausdruck des Gewahrseins selbst. Was im Körper geschieht, ist keine Ablenkung vom Absoluten. Es ist das Absolute in einer bestimmten Konfiguration.

Daraus folgt eine praktische Konsequenz: Die Aufmerksamkeit auf den Körper – auf Empfindung, Atemrhythmus, die feinsten affektiven Färbungen des Moments – ist keine Vorbereitung auf Praxis. Sie ist Praxis.

Interozeption – der Körper beobachtet sich selbst

Die neurowissenschaftliche Forschung hat in den letzten Jahrzehnten einen Sinnestypus beschrieben, der im klassischen Fünf-Sinne-Modell keine Rolle spielt: Interozeption – die Wahrnehmung des Körpers durch sich selbst. Herzschlag, Atemrhythmus, die Fülle des Magens, das diffuse Wohlbefinden oder Unbehagen ohne bestimmbaren Ursprung – diese Signale laufen über eigene Nervenbahnen und erzeugen das, was wir als Körpergefühl kennen: jene Grundfärbung, die alle Wahrnehmung einfärbt, ob wir es bemerken oder nicht.

Im Rahmen des Tantra lässt sich Interozeption als somatisches Spanda lesen: die Pulsation des Gewahrseins, erspürbar im Fleisch. Nicht als Metapher – sondern als direkte Beobachtung dessen, was immer schon geschieht.

Spanda im Leib

Spanda – die wesenseigene Pulsation von Cit – ist im tantrischen Körperverständnis nicht nur kosmisches Prinzip. Sie ist erspürbar: im Herzschlag, in der Atempause, in dem Moment des Übergangs zwischen Schlafen und Wachen, in der feinsten affektiven Regung vor jeder Benennung. Kṣemarāja schreibt im Kommentar zur Spandakārikā, Spanda sei keine esoterische Spekulation, sondern unmittelbare Beobachtung – zu finden in Momenten höchster Emotion, äußerster Aufmerksamkeit, in der Stille zwischen zwei Gedanken.

Verkörperung im tantrischen Sinn bedeutet: diese Pulsation nicht zu unterdrücken, nicht zu deuten, sondern ihr Gewahrsein zu werden – im Körper und durch den Körper hindurch.