Meditation im Kontext des nondualen Śaiva-Tantra meint nicht die Herstellung eines bestimmten Zustands. Sie meint das Vertrautwerden mit dem, was da ist, bevor man anfängt, etwas daran zu ändern. Abhinavagupta beschreibt diesen Grundzustand als das Gewahrsein, das frei von konzeptuellen Überlagerungen ist – nicht weil man diese entfernt hat, sondern weil man aufgehört hat, sie für das Substrat zu halten.
Was das Vijñāna Bhairava Tantra zeigt
Der Text beschreibt 112 Dhāraṇās – Eingangsmomente, in denen das gewöhnliche Verhältnis zum Erleben kurz transparent wird. Vers 36 arbeitet mit innerem Licht: Visualisation eines Lichts im Herz oder im Stirnraum, das sich ausdehnt, bis keine Grenze mehr erkennbar ist. Das ist kein suggestives Entspannungsverfahren. Es ist eine Einladung, die Ausdehnung des Gewahrseins selbst zu bemerken – die Tatsache, dass Gewahrsein keine Grenzen hat, an die es stößt.
Die Lücke zwischen zwei Atemzügen – ein anderer Eingang im selben Text – arbeitet mit dem Nichtzustand zwischen Ein- und Ausatmen: dem Moment, in dem der Atem kurz aufgehört hat, etwas zu wollen. Dort, schreibt der Text, ist das Gewahrsein ohne Objekt. Nicht leer – sondern offen.
Strukturelemente einer tantrischen Meditationspraxis
Atem dient als Ausgangspunkt, nicht als Ziel. Man benutzt ihn, weil er immer da ist und weil er die Grenze zwischen Körper und Geist aufweicht.
Mantra – So’ham, Haṃsa oder einfaches OM – schafft einen Rhythmus, der den inneren Kommentator unterbricht, ohne ihn zu unterdrücken. Nach einiger Zeit setzt das Mantra von selbst ein; dann wird es zur Beobachtung, nicht mehr zur Anstrengung.
Körpergewahrsein: Ein systematischer Durchgang durch den Körper – ähnlich dem tantrischen Nyāsa – schult die Fähigkeit, Empfindungen zu bemerken, ohne sie sofort zu bewerten. Das ist die Grundlage für alles Weitere.
Eine Frage der Haltung
Der häufigste Fehler in der Meditationspraxis ist der Versuch, etwas zu erzeugen – Stille, Leere, Klarheit. Was entsteht, wenn man das loslässt, ist nicht das, was man sich vorgestellt hat. Es ist einfacher und weniger dramatisch: das Bemerken dessen, was ohnehin da ist. Das ist genug, um anzufangen.