Tantrik Yoga Eric Steinert

Kategorie: Praxis

  • Bhāvana und Vikalpa

    Praxis · Śāktopāya

    Bhāvana und Vikalpa

    Vikalpa heißt im Sanskrit: begriffliche Unterscheidung, konzeptueller Gedanke, das Einteilen des Erlebens in Kategorien. Bhāvana heißt: das Verweilen in, das Sich-Einstimmen auf, das Zur-Wirklichkeit-werden-Lassen einer inneren Ausrichtung. Die beiden Begriffe bezeichnen entgegengesetzte Bewegungen des Geistes – und zusammen bilden sie den Kern des tantrischen Wegs über den Verstand.

    Vikalpa – konzeptueller Gedanke als Grenze und Eingang

    Vikalpa ist die Tätigkeit des Geistes, der die Erfahrung in Begriffe fasst, trennt und bewertet. Im Alltagsleben ist sie unverzichtbar. Als einzige Zugriffsweise auf das Erleben verdeckt sie, was vor ihr liegt: die rohe Qualität der Empfindung, das Erscheinen selbst, bevor es einen Namen bekommt. Der Übergang von Vikalpa zu Nirvikalpa – dem begriffslosen Gewahrsein – ist in vielen tantrischen Dhāraṇās der eigentliche Bewegungsbogen.

    Aber Vikalpa ist nicht nur Hindernis. In der Śāktopāya-Systematik – dem mentalen Weg des Kaśmīr-Śaivismus – wird Vikalpa als Ausgangsort genutzt: Der Geist dreht sich mit seinen eigenen Mitteln auf sich selbst zurück und überschreitet sich im Vollzug. Das konzeptuelle Denken ist hier nicht etwas, das stillzustellen wäre, bevor etwas geschehen kann. Es ist das Werkzeug, das sich selbst transparent machen kann.

    Bhāvana – Kontemplation, nicht Visualisierung

    Bhāvana wird oft als Visualisierung übersetzt – das trifft den Kern nicht. Es geht nicht darum, ein inneres Bild zu erzeugen. Es geht darum, in einer Qualität zu verweilen, sie zur inneren Tatsache werden zu lassen. Wer bhāvana praktiziert, setzt sich nicht mit einer Technik auseinander, sondern lässt eine Ausrichtung so lange anhalten, bis sie nicht mehr Absicht ist, sondern Gewahrsein.

    Im Vijñāna Bhairava Tantra zeigen viele Dhāraṇās diese Bewegung: nicht Anweisung zum Tun, sondern Einladung zum Verweilen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf einen Punkt – einen Atemübergang, eine Klangqualität, einen Moment der Stille –, bis der Punkt transparent wird und das Gewahrsein, das ihn beobachtet, sich selbst bemerkt.

    Śāktopāya – der Weg über den Geist

    Śāktopāya bezeichnet im Upāya-System des Kaśmīr-Śaivismus den Zugang über den Verstand: weniger Körper, mehr gerichtete Aufmerksamkeit. Die Konzentration selbst wird zum Eingang. Dieser Weg setzt eine gewisse innere Sammlung voraus – er braucht keine äußeren Stützen, keine Körperpraktiken, keine rituellen Rahmungen. Er arbeitet mit dem, was der Geist ist: mit seiner Fähigkeit, sich auf sich selbst zu richten und in dieser Ausrichtung das zu bemerken, was allem Denken vorausgeht.

  • Meditation im Tantrik Yoga

    Meditation im Kontext des nondualen Śaiva-Tantra meint nicht die Herstellung eines bestimmten Zustands. Sie meint das Vertrautwerden mit dem, was da ist, bevor man anfängt, etwas daran zu ändern. Abhinavagupta beschreibt diesen Grundzustand als das Gewahrsein, das frei von konzeptuellen Überlagerungen ist – nicht weil man diese entfernt hat, sondern weil man aufgehört hat, sie für das Substrat zu halten.

    Was das Vijñāna Bhairava Tantra zeigt

    Der Text beschreibt 112 Dhāraṇās – Eingangsmomente, in denen das gewöhnliche Verhältnis zum Erleben kurz transparent wird. Vers 36 arbeitet mit innerem Licht: Visualisation eines Lichts im Herz oder im Stirnraum, das sich ausdehnt, bis keine Grenze mehr erkennbar ist. Das ist kein suggestives Entspannungsverfahren. Es ist eine Einladung, die Ausdehnung des Gewahrseins selbst zu bemerken – die Tatsache, dass Gewahrsein keine Grenzen hat, an die es stößt.

    Die Lücke zwischen zwei Atemzügen – ein anderer Eingang im selben Text – arbeitet mit dem Nichtzustand zwischen Ein- und Ausatmen: dem Moment, in dem der Atem kurz aufgehört hat, etwas zu wollen. Dort, schreibt der Text, ist das Gewahrsein ohne Objekt. Nicht leer – sondern offen.

    Strukturelemente einer tantrischen Meditationspraxis

    Atem dient als Ausgangspunkt, nicht als Ziel. Man benutzt ihn, weil er immer da ist und weil er die Grenze zwischen Körper und Geist aufweicht.

    Mantra – So’ham, Haṃsa oder einfaches OM – schafft einen Rhythmus, der den inneren Kommentator unterbricht, ohne ihn zu unterdrücken. Nach einiger Zeit setzt das Mantra von selbst ein; dann wird es zur Beobachtung, nicht mehr zur Anstrengung.

    Körpergewahrsein: Ein systematischer Durchgang durch den Körper – ähnlich dem tantrischen Nyāsa – schult die Fähigkeit, Empfindungen zu bemerken, ohne sie sofort zu bewerten. Das ist die Grundlage für alles Weitere.

    Eine Frage der Haltung

    Der häufigste Fehler in der Meditationspraxis ist der Versuch, etwas zu erzeugen – Stille, Leere, Klarheit. Was entsteht, wenn man das loslässt, ist nicht das, was man sich vorgestellt hat. Es ist einfacher und weniger dramatisch: das Bemerken dessen, was ohnehin da ist. Das ist genug, um anzufangen.

  • Das OM-Mantra

    OM – in Sanskrit ॐ, auch AUM geschrieben – gilt in der indischen Tradition als Praṇava: das ursprüngliche Mantra, der Klang, der dem Sprechen vorausgeht. Nicht im mythologischen Sinne, sondern als Beschreibung einer Erfahrung: Wenn man OM singt, klingt es aus, bevor man aufgehört hat zu singen. Der Nachklang ist der eigentliche Ort.

    AUM und die drei Zustände

    Das Māṇḍūkya Upaniṣad, eine der knappsten und philosophisch dichtesten der klassischen Schriften, analysiert AUM in Bezug auf die vier Bewusstseinszustände. Die drei Laute stehen für drei Zustände des Erlebens:

    A – der Wachzustand (jāgrat): Erleben in Relation zur Außenwelt, Objekte erscheinen als getrennt vom Subjekt.

    U – der Traumzustand (svapna): Die Welt entsteht aus dem Geist selbst. Objekte und Subjekt kommen aus derselben Quelle.

    M – der Tiefschlaf (suṣupti): Kein Objekt, kein Subjekt. Was bleibt, ist schwer zu beschreiben – weil der Beschreiber fehlt.

    Das vierte Moment ist das Schweigen, das auf das M folgt: Turīya – nicht ein weiterer Zustand, sondern der Grund der anderen drei.

    OM im Kaśmīr-Śaivismus

    Abhinavagupta und Kṣemarāja lesen OM nicht nur als philosophisches Modell, sondern als Praxisinstrument. Das Mantra ist ein Träger von Vimarśa – dem Sich-selbst-Erfassen des Gewahrseins. Wer OM singt und dabei die Struktur des AUM bewusst hält, vollzieht eine Bewegung durch die Bewusstseinszustände hindurch – nicht als Analyse, sondern als Erfahrung.

    Spanda – der feine Puls des Gewahrseins – ist in OM hörbar: im Anstieg, in der Resonanz, im Ausklingen. Der Moment nach dem Klingen ist nicht leer. Er ist der Grund, der dem Klang erlaubt, zu entstehen und zu vergehen.

    Praxis

    OM lässt sich als Einstieg in Meditation oder als eigenständige Praxis singen. Drei bis sieben Wiederholungen, mit Aufmerksamkeit auf das Nachklingen. Was sich nach dem letzten OM zeigt – das kurze Schweigen, bevor der Geist wieder anfängt zu reden –, ist der Eingang, auf den das Māṇḍūkya zeigt.

  • Yoga Nidra – Praxis und Hintergrund

    Yoga Nidra – yogischer Schlaf – ist eine geführte Meditationsform, bei der der Körper vollständig ruht, während die Aufmerksamkeit wach bleibt. Der Zustand liegt zwischen Schlafen und Wachen: das Nervensystem entspannt, das Gewahrsein aktiv.

    Was in dieser Praxis passiert

    Eine Sitzung führt systematisch durch den Körper – ein Durchgang durch alle Körperteile in rascher Folge, der das somatische Nervensystem in einen Ruhezustand bringt, ohne den Geist einzuschläfern. Auf den Körperscan folgen Atemsgewahrsein, innere Bilder und das Arbeiten mit einem Sankalpa – einer kurzen mentalen Absicht, die am Anfang und Ende der Sitzung gesetzt wird.

    Das Ergebnis ist kein Schlaf, aber auch kein gewöhnliches Wachen. Wer diese Schwelle kennt, weiß, was damit gemeint ist: ein Moment, in dem Körper und Geist sich entkoppeln, und in dem das Gewahrsein sich als das zeigt, was übrig bleibt.

    Herkunft

    Yoga Nidra greift auf tantrische Nyāsa-Praktiken zurück – systematische Techniken der Aufmerksamkeitslenkung durch den Körper –, wurde aber im 20. Jahrhundert durch Swami Satyananda Saraswati in eine lehrbare, zugängliche Form überführt.

    Praxis

    Liegend, 20 bis 45 Minuten. Der Einstieg ist niederschwellig – eine geführte Aufnahme genügt. Wer öfter praktiziert, merkt, dass das Absenken in den Zwischenzustand schneller und gezielter wird.

  • Yoga Nidra

    Yoga Nidra – yogischer Schlaf – bezeichnet eine Praxis, bei der man in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen bleibt: körperlich ruhend, mental wach. Der Übergang in diese Schwelle geschieht geführt, über systematische Aufmerksamkeitsführung durch den Körper, den Atem und innere Bilder.

    Herkunft

    Die Technik hat Wurzeln in tantrischen Nyāsa-Praktiken – rituellen Formen der Körperdurchdringung mit Aufmerksamkeit –, wurde aber im 20. Jahrhundert von Swami Satyananda Saraswati in eine systematisierte, lehrbare Form gebracht. Was als Ritual begann, ist damit zu einer zugänglichen Meditationsform geworden.

    Ablauf einer Sitzung

    Die Praxis folgt in der Regel einem festen Rahmen. Man liegt auf dem Rücken, meist in Śavāsana. Der Ablauf umfasst eine Einstimmung, das Setzen eines Sankalpa (einer kurzen mentalen Absicht), einen systematischen Body-Scan durch alle Körperteile, Atemsgewahrsein, geführte innere Bilder und die abschließende Wiederholung des Sankalpa.

    Der entscheidende Punkt: Die Aufmerksamkeit wandert, aber man schläft nicht ein. Man beobachtet. Was dabei sichtbar wird – der Unterschied zwischen dem Beobachtenden und dem Beobachteten –, ist das eigentliche Terrain dieser Praxis.

    Was Yoga Nidra von anderen Meditationsformen unterscheidet

    Klassische Sitzmeditation arbeitet mit einem wachen, aufrechten Körper. Yoga Nidra arbeitet mit Erschöpfung und Ruhe als Eingang in einen anderen Bewusstseinszustand. Das ist kein Kompromiss – es ist ein eigener Zugang. In hypnagogen Zuständen lockert sich das Verhältnis zwischen Ich und Erleben auf eine Weise, die im Wachzustand schwerer herzustellen ist.

    Praxis

    20 bis 45 Minuten, liegend. Eine geführte Aufnahme ist für den Einstieg hilfreich – sie nimmt die Aufgabe der Strukturierung ab, damit die Aufmerksamkeit frei für das Erleben bleibt.

  • Verkörperung im Tantra

    Verkörperung im Tantra

    Der Leib antwortet, bevor jemand antwortet.

    Haarzellen wandeln Schall um. Mechanorezeptoren melden Druck. Das Herz passt seinen Rhythmus an. All das geschieht, bevor das reflektierende Ich von irgendetwas weiß.

    Im nondualen Shaiva-Tantra ist genau diese Schicht des Erlebens kein Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis. Sie ist ihr Ort.

    Der Körper als Erfahrungsraum

    In vielen spirituellen Traditionen liegt der Schwerpunkt auf Disziplin, Kontrolle oder Transzendenz. Die Pratyabhijñā des Kaśmīr-Śaivismus setzt einen anderen Akzent.

    Der Leib ist der Ort, an dem Cit erscheint. Nicht als Spiegel für etwas Jenseitiges. Nicht als Hülle des Gewahrseins. Sondern als dessen unmittelbare Manifestation.

    Was im Körper geschieht, ist keine Ablenkung vom Absoluten. Es ist eine Weise, in der sich das Gewahrsein zeigt.

    Daraus folgt eine praktische Konsequenz.

    Die Aufmerksamkeit auf den Körper, auf Empfindung, Atemrhythmus und die feinsten affektiven Färbungen eines Moments, ist keine Vorbereitung auf Praxis.

    Sie ist Praxis.

    Interozeption

    Die Neurowissenschaft beschreibt seit einigen Jahrzehnten eine Form der Wahrnehmung, die im klassischen Fünf-Sinne-Modell kaum berücksichtigt wurde: Interozeption.

    Gemeint ist die Wahrnehmung innerer Körperzustände. Herzschlag. Atemrhythmus. Hunger. Sättigung. Ein diffuses Wohlbefinden oder Unbehagen, das sich keinem äußeren Objekt zuordnen lässt.

    Diese Signale laufen über eigene neuronale Bahnen und prägen fortwährend die Grundstimmung des Erlebens. Sie färben jede Wahrnehmung, ob wir es bemerken oder nicht.

    Aus der Perspektive des Shaiva-Tantra können solche Empfindungen als ein Zugang zu Spanda verstanden werden. Nicht weil Interozeption und Spanda dasselbe wären. Sondern weil sich in diesen feinen Regungen etwas zeigt, das der Spanda-Tradition seit Jahrhunderten vertraut ist: die unaufhörliche Bewegtheit des Gewahrseins.

    Spanda im Leib

    Spanda bezeichnet die wesenseigene Pulsation von Cit.

    Sie ist kein Objekt der Wahrnehmung. Kein verborgenes Etwas hinter den Erscheinungen.

    Sie zeigt sich in den Erscheinungen selbst.

    Im Herzschlag. In der Atempause. Im Übergang zwischen Schlafen und Wachen. In der feinen Regung, die einer Benennung vorausgeht.

    Kṣemarāja beschreibt Spanda nicht als Gegenstand metaphysischer Spekulation, sondern als etwas, das sich in bestimmten Momenten unmittelbar erschließen kann: in intensiver Aufmerksamkeit, in starken Affekten, in der Stille zwischen zwei Gedanken.

    Verkörperung bedeutet in diesem Sinn nicht, etwas Besonderes zu erreichen.

    Sondern wahrzunehmen, was bereits geschieht.

    Im Körper.

    Und durch ihn hindurch.