Haltung · Pratyabhijñā
Praxis ohne Dogma
Ein Gedanke taucht auf, und bevor er zu Ende gedacht ist, hat er schon eine Richtung: richtig, falsch, erlaubt, verboten. Wer eine Lehre übernimmt, übernimmt oft diese Richtung mit, noch bevor er gesehen hat, worauf sie zeigt.
Ein Dogma ist eine Aussage, die gilt, weil sie gilt. Gegen Systematik spricht das nicht. Begriffe, Unterscheidungen, eine überlieferte Ordnung von Übungen: Ohne sie ließe sich Erfahrung weder prüfen noch weitergeben. Dogmatisch wird eine Lehre erst dort, wo sie die Prüfung ersetzt.
Begründen statt verlangen
Die Pratyabhijñā, die Schule des Wiedererkennens im Shaiva-Tantra Kaschmirs, ist auffallend argumentativ. Utpaladeva setzt sich in der Īśvarapratyabhijñākārikā ausführlich mit den Einwänden buddhistischer Logiker auseinander. Er beruft sich nicht einfach auf Offenbarung, er begründet. Seine Kernaussage betrifft keine jenseitige Welt. Sie betrifft das, was in jeder Erfahrung schon mitläuft: dass etwas weiß, dass erfahren wird.
Diese Aussage lässt sich nicht glauben, nur prüfen. Wer ihr zustimmt, ohne hinzuschauen, hat sie verfehlt.
Die Tradition ist nicht dogmenfrei
Auch das gehört zur Redlichkeit. Das Shaiva-Tantra ist keine freischwebende Philosophie. Es kennt Einweihung, Ritual, die Autorität der Tantras und des Lehrers. Abhinavagupta entfaltet im Tantrāloka ein ganzes Gefüge aus Initiation und Ritual, und er beruft sich auf die Schriften. Wer die Tradition als reine Erfahrungswissenschaft darstellt, glättet sie.
Zugleich ordnet Abhinavagupta die Wege nach ihrer Nähe zum Erkennen. Wo das Wiedererkennen unmittelbar geschieht, braucht es keine Mittel. Das Ritual steht am weitesten davon entfernt. Die Mittel haben ihren Sinn im Erkennen, nicht in sich selbst.
Ein Hinweis, kein Beweis
Utpaladeva beschreibt das Wiedererkennen mit einem Bild. Eine Frau hat viel von einem Mann gehört und sehnt sich nach ihm. Er steht vor ihr, und sie empfindet nichts Besonderes. Erst als sie an ihm erkennt, was sie von ihm gehört hat, ist er für sie da. An ihm hat sich nichts verändert.
nach ĪPK 4.1.17
Das Bild ist genauer als jede Parole gegen Autorität. Ohne den Hinweis bleibt das Erkennen aus. Aber der Hinweis ersetzt es nicht. Er zeigt auf etwas, das schon da ist, und sie sieht es mit den eigenen Augen.
So lässt sich das Verhältnis von Lehre und Praxis fassen. Die Lehre ist das, was man gehört hat. Geprüft wird durch Hinschauen.
Hinschauen
Der Atem geht. Eine Empfindung im Nacken, dann ein Geräusch von der Straße. Gedanken erscheinen, ohne gerufen zu sein. Was bemerkt das alles?
Die Frage braucht keine Vorannahme. Sie braucht nur, dass man bei ihr bleibt, statt eine Antwort aus einem Buch einzusetzen.