Tantrik Yoga Eric Steinert

Schlagwort: Spüren

  • Vor dem Namen

    Praxis · Direkte Wahrnehmung

    Vor dem Namen

    Höre für einen Moment auf das Geräusch, das gerade in deiner Nähe ist. Bevor du weißt, ob es ein Auto ist, eine Stimme, ein Gerät, bevor das Geräusch einen Namen hat, ist es schon da. Nicht als Ding. Als Klang.

    Bevor es einen Namen hat

    Ein Klang erscheint, noch ohne Namen, ohne Wertung, ohne Geschichte. Das ist nicht das Rohe, auf dem das Erkennen erst aufbaut. Es ist das Erkennen selbst, bevor es sich auf ein Etwas festlegt. Die Pratyabhijñā nennt diesen Moment nirvikalpa, frei von begrifflicher Unterscheidung. Benennen, Bewerten, Einordnen kommen später.

    Noch kein Ich, das auswählt und urteilt. Aber Gewahrsein, in dem der Klang erscheint.

    Dieser Moment ist nicht vorbei, sobald das Denken einsetzt. Er geht jedem Gedanken voraus, auch dem, der gerade über ihn nachdenkt.

    Empfindung und Sprache

    Sprache ist kein neutrales Werkzeug für Empfindung. Ludwig Wittgenstein hat gezeigt, dass das Wort „Schmerz“ seine Bedeutung nicht aus einem inneren Gegenstand bezieht, sondern aus seinem Gebrauch, dem Sprachspiel. Einen privaten Zugang zu etwas, das unter der Sprache läge, lässt er nicht gelten.

    Das Shaiva-Tantra zieht die Grenze an anderer Stelle. Für Abhinavagupta ist auch der Moment vor dem Begriff Sprache, nur ungeteilt: paśyantī, das Wort, bevor es sich in Laute und Begriffe teilt. Die Grenze verläuft nicht zwischen Sprache und Nicht-Sprache. Sie verläuft zwischen der Sprache, die unterscheidet, und der, die noch nicht unterscheidet.

    Verweilen

    Das Vijñāna Bhairava Tantra zeigt immer wieder auf diesen Moment: auf den Atem, bevor er umkehrt (nach VBT 25–26), auf den Klang eines Saiteninstruments, dem man ungeteilt folgt, bis er verklingt (nach VBT 41). Solche Momente sind keine Ausnahmezustände. Sie geschehen ununterbrochen. Was sich ändert, ist nicht das Erleben. Es ist die Aufmerksamkeit.

    Der Unterschied zwischen dem benannten Ding und dem Klang, bevor er Ding wird, lässt sich nicht denken. Er lässt sich nur bemerken. Das ist die Einladung: nicht analysieren, was gerade geschieht. Einen Moment dort bleiben, wo noch nichts festgelegt ist.

  • Interozeption und Gewahrsein

    Praxis · Somatisches Gewahrsein

    Interozeption und Gewahrsein

    Interozeption – die Wahrnehmung des Körpers durch sich selbst – ist kein Randphänomen der Sinnesphysiologie. Sie ist die Grundschicht dessen, was wir als Körpergefühl kennen: jene Hintergrundfärbung des Erlebens, die alle Wahrnehmung einfärbt, ohne je direkt im Fokus zu stehen. Herzschlag, Atemrhythmus, das diffuse Wohlbefinden oder Unbehagen ohne bestimmbaren Ursprung – diese Signale laufen ununterbrochen und formen mit, wie alles andere erscheint.

    Der Körper, der sich selbst wahrnimmt

    Der Neurowissenschaftler A. D. Craig hat Interozeption als eigenständiges Sinnessystem beschrieben: alle Signale, die aus dem Körperinneren kommen, laufen über einen eigenen Nervenpfad und werden in der Insula verarbeitet. Was dort entsteht, ist nicht nur Hunger oder Schmerz. Es ist das allgemeine Körpergefühl – die Summe der Zustände des Organismus in diesem Moment, als diffuse Zustandsbeschreibung präsent, bevor irgendjemand nach ihr fragt.

    Der Körper ist also nicht nur Empfänger von Reizen aus der Außenwelt. Er ist Sender: Er schickt ständig Signale über seinen eigenen Zustand ans Gehirn. Diese Signale sind keine neutralen Meldungen – sie färben die affektive Qualität jedes Moments, noch vor jeder Bewertung, noch vor jedem Gedanken.

    Somatisches Gedächtnis

    Was wir als Empfindung erleben, ist selten nur dieser Moment. Der Leib trägt eine Geschichte: als Qualität seiner Spannung, seiner Atemgewohnheiten, seiner Haltungsmuster. Besonders deutlich wird das in dem, was Bessel van der Kolk als somatisches Gedächtnis beschrieben hat: Erfahrungen, die nicht als narrative Erinnerungen gespeichert sind, sondern als Körperzustände – Muster von Anspannung, Reaktionsbereitschaft, Stille –, die sich bei bestimmten Signalen reaktivieren, lange bevor ein Ich davon weiß.

    Maurice Merleau-Ponty nennt das Körperschema: das präreflexive Wissen des Leibes über sich selbst, das dem Denken und Benennen vorausgeht. Ein Schreiner und ein Cellospieler haben verschiedene Körperschemata. Nicht weil sie verschiedene Körper haben – sondern weil ihre Leiber eine andere Geschichte tragen.

    Spanda als gelebte Interozeption

    Im Kaśmīr-Śaivismus bezeichnet Spanda die wesenseigene Pulsation von Cit – die lebendige Bewegtheit des Gewahrseins selbst. In der Praxis des somatischen Gewahrseins lässt sich Spanda als das beschreiben, worauf Interozeption zeigt: das feine Zittern des lebendigen Körpers, das weder Herzschlag noch Atem ist und doch beides begleitet. Kṣemarāja beschreibt es nicht als seltenes mystisches Ereignis, sondern als die normale Lebendigkeit des Moments – zu finden in Momenten höchster Aufmerksamkeit, im Übergang zwischen Schlafen und Wachen, in der Stille zwischen zwei Gedanken.

    Interozeption zu schulen bedeutet: diesen Kanal feiner werden zu lassen – nicht durch Anstrengung, sondern durch Aufmerksamkeit. Die Richtung nach innen. Nicht als Selbstbeobachtung, sondern als Präsenz im Leiblichen.