OM – in Sanskrit ॐ, auch AUM geschrieben – gilt in der indischen Tradition als Praṇava: das ursprüngliche Mantra, der Klang, der dem Sprechen vorausgeht. Nicht im mythologischen Sinne, sondern als Beschreibung einer Erfahrung: Wenn man OM singt, klingt es aus, bevor man aufgehört hat zu singen. Der Nachklang ist der eigentliche Ort.
AUM und die drei Zustände
Das Māṇḍūkya Upaniṣad, eine der knappsten und philosophisch dichtesten der klassischen Schriften, analysiert AUM in Bezug auf die vier Bewusstseinszustände. Die drei Laute stehen für drei Zustände des Erlebens:
A – der Wachzustand (jāgrat): Erleben in Relation zur Außenwelt, Objekte erscheinen als getrennt vom Subjekt.
U – der Traumzustand (svapna): Die Welt entsteht aus dem Geist selbst. Objekte und Subjekt kommen aus derselben Quelle.
M – der Tiefschlaf (suṣupti): Kein Objekt, kein Subjekt. Was bleibt, ist schwer zu beschreiben – weil der Beschreiber fehlt.
Das vierte Moment ist das Schweigen, das auf das M folgt: Turīya – nicht ein weiterer Zustand, sondern der Grund der anderen drei.
OM im Kaśmīr-Śaivismus
Abhinavagupta und Kṣemarāja lesen OM nicht nur als philosophisches Modell, sondern als Praxisinstrument. Das Mantra ist ein Träger von Vimarśa – dem Sich-selbst-Erfassen des Gewahrseins. Wer OM singt und dabei die Struktur des AUM bewusst hält, vollzieht eine Bewegung durch die Bewusstseinszustände hindurch – nicht als Analyse, sondern als Erfahrung.
Spanda – der feine Puls des Gewahrseins – ist in OM hörbar: im Anstieg, in der Resonanz, im Ausklingen. Der Moment nach dem Klingen ist nicht leer. Er ist der Grund, der dem Klang erlaubt, zu entstehen und zu vergehen.
Praxis
OM lässt sich als Einstieg in Meditation oder als eigenständige Praxis singen. Drei bis sieben Wiederholungen, mit Aufmerksamkeit auf das Nachklingen. Was sich nach dem letzten OM zeigt – das kurze Schweigen, bevor der Geist wieder anfängt zu reden –, ist der Eingang, auf den das Māṇḍūkya zeigt.